Reg.-Rat Ing. Lambert Binder
(1905 - 1981)
Exkurs zu Friedrich Eckstein
Biographisches
Friedrich Eckstein (1861 - 1939), brillanter Polyhistor und Privatgelehrter
- geboren in Perchtoldsdorf als Sohn eines Pergamentfabrikanten in Wien
- ältere Geschwister:
Therese (verheiratete Schlesinger, 1863 - 1940), Frauenrechtlerin, Publizistin
und Politikerin (Sozialistin, eine der ersten weiblichen
Nationalratsabgeordneten, an sie erinnert der Schlesinger-Platz im 8. Wiener
Gemeindebezirk)
und Emma (1865-1924), Feministin; sie Fließ’ Patientin ist die Irma
in Freuds Traum von Irmas Injektion
(1895)
- frühe Kontakte zu lebensreformerischen Kreisen (Vegetarismus)
- pilgert als Jugendlicher zu Fuß nach Bayreuth zu Wagner
- zunächst Privatschüler, später Privatsekretär von Anton Brucker, der ihm in rechtlichen Dingen
(Verlagsverträge) völlig freie Hand läßt
- Besuch bei Helena Petrowna Blavatsy und Col Olcott, Gründung einer
Theosophischen Loge in Wien
- Freundschaft mit Hugo Wolf, dessen fruchtbarste Schaffensperiode in
Ecksteins Villa in Unterach am Attersee beginnt (Komposition von zwölf Eichendorff- und zehn
Mörike-Lieder und Vertonung von Texten Friedrich Ecksteins)
- 1898 Heirat mit der Fabrikantentochter und späteren Schriftstellerin (Pseudonyme:
Ahasvera, Sir Galahad, Helen
Diner) und Übersetzerin Bertha Diener (1874 - 1948) (bekannteste Werke: 1919 Die
Kegelschnitte Gottes, 1932 Mütter
und Amazonen)
- Übersiedlung nach Baden b/Wien in das St.-Genois-Schlößl
in der Helenenstraße, wo die Familie
einen Salon führt, in dem Altenberg, Schnitzler, Karl Kraus, Adolf Loos und
überhaupt ganz Wien verkehrt (Schnitzler setzt
dieser Situation in seinem Das weite Land
ein literarisches Denkmal)
- 1899 Geburt des Sohnes Percy Eckstein, später Journalist, Schriftsteller
(Romane Ferdinand von Lesseps, Brutus in Paris) und Übersetzer (Werke von
Alberto Moravia, Maria Montessori u.v.a.), und Übersetzer, lebte ab 1940
in Italien (gest. 1962)
- 1904 von Bertha verlassen, welche sich auf Reisen begibt
- 1909 Scheidung, Wohnort später wieder Wien
- Jahrzehnte währende Freundschaft mit Sigmund Freud
Anmerkungen zu Werk und Wirkung
Im Zusammenhang mit Gustav Meyrink und dessen Begegnung mit der Theosophie soll hier
auf einige Aspekte im reichen Leben Friedrich Ecksteins eingegangen sein, ohne
alle Façetten dessen überhaupt erwähnen zu können es handelt sich also im
folgenden um eine sehr einseitige Auswahl.
Friedrich Eckstein verfolgte musikalische, naturwissenschaftliche und okkulte
Interessen, wobei sich die naturwissenschaftlichen in Patenten auf dem Gebiet
der Papierchemie niederschlugen. (Eine merkwürdige Koinzidenz: auch Carl Kellner
[siehe unten]
kam aus der Papierindustrie, und ebenso in Großbritannien
Harry Price vgl. den Spukfall
Zugun.)
Nach einer Quelle erfuhr Friedrich Eckstein von dem in Wien lebenden
Lord Ryleigh von der Theosophie und reiste 1884 nach
London, um Helena Petrowna Blavatsky und Colonel Henry S. Olcott zu treffen;
nach anderer Darstellung war es Carl Kellners Freund Franz Hartmann, der ihn in
die Theosophie eingeführt hat. Jedenfalls war er seit Juni 1866 im Besitz einer
von HPB persönlich ausgestellten Charta, aufgrund derer er dann in Wien eine Sektion der Theosophischen Gesellschaft
gründete. Der Industrielle Carl Kellner, der in der Geschichte des O.T.O.
anderer okkulter Logen eine große Rolle spielt, war mit Eckstein, befreundet
(Josef Dvorak erwähnt dazu, daß Eckstein damals den Spitzname Mac
Eck gehabt habe.)
Eine Marie Lang (1858 - 1934) betrieb damals einen theosophischen Zirkel in
Wien, in welchem ...
[Text noch in Arbeit]
Zu Ecksteins Freund Oskar Simony sei noch auf das Möbius-Simony-Band
hingewiesen, welches einen Anlaß bietet, unsere Vorstellungen vom Raum und
seinen drei Dimensionen einer kritischen Analyse zu unterziehen Gedanken,
welche im Rahmen der Parapsychologie Assoziationen zu Johann F. C. Zöllners
Theorie vierdimensionaler Räume und seinen diesbezüglichen Experimenten mit dem
amerikanischen Medium Henry Slade weckt.
Lambert Binders Interesse an Friedrich Eckstein
Die erwähnten Beziehungen Ecksteins einerseits zur okkulten Szene,
andererseits (via Theosophie) zu Meyrink machen klar, daß sich Lambert Binder
für Eckstein einfach interessieren mußte. Er hat mir eindringlich Ecksteins Autobiographie Alte,
unnennbare Tage (der Titel ist ein Zitat aus
einem Mörike-Gedicht, siehe unten) empfohlen und auch geliehen. Ich habe das
Buch dann glücklicherweise selbst im Antiquariatsbuchhandel erwerben können. Was
aus Binders Exemplar, welches ich ihm nach meiner Lektüre natürlich
zurückgegeben habe, nach seinem Tod geworden ist, ist mir unbekannt in dem
mir bekannten Teil des Nachlasses ist es jedenfalls nicht aufgetaucht.
Mittlerweile ist Ecksteins Autobiographie in einem Reprint, dieser sogar in
einer Neuauflage, erschienen (siehe unten).
Friedrich Eckstein in der Anekdote
- Ein geflügeltes Wort soll im damaligen Wien gewesen sein: Der
Brockhaus schlägt im Eckstein nach.
Ich bin seinerzeit (vielleicht noch zu Lebzeiten von Lambert Binder) in meinen
Recherchen auf einen Rechtsanwalt Dr. Kipper gestoßen, der im Artaria-Haus
am Kohlmarkt gewohnt hat und ein Schulkollege von Friedrich Ecksteins Sohn,
Percy Eckstein, gewesen ist. Er hat mir über den Vater seines Freundes
folgendes erzählt:
- Wenn Friedrich Eckstein seinen täglichen Mittagsspaziergang am Graben
gemacht hat, haben ihn fast immer Leute einfach auf der Straße angesprochen und um Auskunft in Fragen
gebeten, zu denen sie im Konversationslexikon keine geeigneten Antworten
gefunden hatten.
- Friedrich Eckstein besaß eine enorme Bibliothek und sammelte ständig
weiter. Gegen Ende seines Lebens kam es so weit, daß er sein Badezimmer nicht
mehr benutzen konnte, weil auch in der Badewanne Bücher gestapelt waren, sodaß
er statt dessen ins Tröpferlbad gegangen ist.
(Tröpferlbad
= umgangssprachlicher Ausdruck in Wien für das offiziell als Volksbad
bezeichnete öffentliche Brausebad eine Einrichtung, welche es heutzutage nicht
mehr gibt)
Literatur (Auswahl)
- Eckstein, Friedrich:
Comenius und die Böhmischen Brüder. Ausgewählt und eingeleitet von Friedrich
Eckstein. Insel-Bücherei 96
Insel-Verlag, Leipzig o. J. (1915)
-
Yeats, William Butler:
Erzählungen und Essays. Übertragen und eingeleitet von Friedrich Eckstein
Insel-Verlag, Leipzig 1916
- Fülöp-Miller, René und Friedrich Eckstein
(Hrsg.):
Tolstojs Flucht und Tod. Geschildert von seiner Tochter Alexandra.
Berlin, Bruno Cassirer, 1925
- Fülöp-Miller, René und Friedrich Eckstein
(Hrsg.):
Die Lebenserinnerungen der Gattin Dostojewskis. (Aus dem russischen Manuskript
übersetzt von Dmitri Umanskij.) München 1925
- Fülöp-Miller, René und Friedrich Eckstein
(Hrsg.):
F. M. Dostojewski. Die Urgestalt der Brüder Karamasoff. Dostojewskis
Quellen, Entwürfe und Fragmente, München 1928
- Eckstein, Friedrich: Erlebnisse mit Mathematikern und Zauberern. - In:
Wiener Tagblatt vom 6. April 1935, Nr. 9.
(Über seinen verstorbenen Freund Oskar Simony)
- Eckstein, Friedrich: Das Unbewußte, die Vererbung und das Gedächtnis im
Lichte der mathematischen Wissenschaft.
In: Almanach des Internationalen Psychoanalytischen Verlages 5 (1930)
- Eckstein, Friedrich: Ältere Theorien des Unbewußten.
In: Almanach des Internationalen Psychoanalytischen Verlages 11 (1936)
- Weitere psychoanalytische Publikationen in der von A. J. Storfer
herausgegebenen Zeitschrift Die
Psychoanalytische Bewegung. Internationaler
Psychoanalytischer Verlag, Wien.
- Eckstein, Friedrich: Alte,
unnennbare Tage:
Erinnerungen aus siebzig Lehr- und Wanderjahren. (Autobiographie) Wien,
Reichner, 1936.
[Reprint (= Edition Atelier, Hrsg. Sibylle Mulot-Deri, mit ergänzender
Bibliographie von Max Schönherr) Wien 1988; Neuauflage 1992].
Links
Zwei Aufsätze von
Josef Dvorak,
Ex-Kollege von Adolf Holl im Priesterseminar und Autor von Satanismus
(Eichborn 1989, TB-Ausgabe Heyne 1991 trotz des reißerischen Titels ein
interessantes Werk):
Abstürze
beim Aufstieg zum Feueropfer (über Eckstein, Meyrink und Kellner)
Carl
Kellner
über den
O.T.O. (Ordo Templi Orientis), zu welchem auch
Oscar Schlag
Beziehungen hatte, welcher mich freilich weit mehr als physikalisches Medium
interessiert, das er in seiner Jugend gewesen ist, denn als Logenangehöriger.
Eduard Mörike Im Frühling
(1828) - Auszug
Ich denke dies und denke das,
Ich sehne mich und weiß nicht recht, nach was:
Halb ist es Lust, halb ist es Klage.
Mein Herz, o sage,
Was webst du für Erinnerung
In golden grüner Zweige Dämmerung?
Alte unnennbare Tage!
© Peter Mulacz
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